Rettung eines 286ers aus der Wohnsiedlung

Manchmal passiert etwas, das jeden Liebhaber alter Hardware freut. Genau so ein Moment kam in diesem Winter, als ich von einem Spaziergang durch die Wohnsiedlung nach Hause ging. Neben einem Elektroschrottcontainer fiel mir ein altes Computergehäuse auf. Auf den ersten Blick war klar, dass es sich um nichts Modernes handelte – eher um ein Stück Geschichte aus einer Zeit, in der Computer gerade erst Einzug in die Haushalte hielten. In solchen Momenten ist jede Scheu vergessen. So etwas lasse ich dort doch nicht einfach liegen.

Erster Eindruck: 286 oder 386?

Dem Aussehen nach war es ein wirklich alter Rechner. Ein robustes Blechgehäuse, klassisches AT-Format und typische Frontblenden. In diesem Moment tippte ich auf die 286/386-Ära. Solchen Maschinen begegnet man heute nur noch selten – und schon gar nicht neben einem Müllcontainer. Die Entscheidung dauerte nicht lange. Natürlich kam der Computer mit nach Hause. Ich trug ihn etwa zwei Kilometer auf den Armen. Selbst in der winterlichen Kälte kam ich dabei ordentlich ins Schwitzen, aber was tut man nicht alles für so ein schönes Stück Technik?

Das erste Öffnen: Überraschungen und fehlende Teile

Nach dem Öffnen des Gehäuses kam die erste Überraschung – der Computer war nicht vollständig. Die Grafikkarte fehlte und ebenso der Festplattencontroller. Bei einem so alten Rechner ist das ein erhebliches Problem, denn ohne Controller ist die Festplatte praktisch nicht nutzbar. Umso wertvoller war, dass Mainboard und Festplatte im Gehäuse geblieben waren. Außerdem handelte es sich um eine MFM-Festplatte, also einen Vorläufer der IDE-Laufwerke. Damit gab es eine gute Basis, auf der ich aufbauen konnte. Leider hatte die Batterie auf dem Mainboard bereits ihre Spuren hinterlassen, also musste die Platine heraus. Der Bereich um die Batterie wurde neutralisiert, sorgfältig gereinigt und anschließend mit einem BezVarta-Ersatz bestückt.

Identifikation: ein echter 286er

Bei genauerer Untersuchung war es eindeutig – es handelt sich um einen klassischen 286er. Im Inneren befand sich eine Seagate ST-225 mit 20 MB Kapazität, was zu ihrer Zeit absoluter Standard war. Dieses Laufwerk galt als qualitativ gut, deshalb hoffte ich, dass es selbst nach all den Jahren noch funktionieren könnte. Auch ein 5,25″-Diskettenlaufwerk von NEC war vorhanden, das untrennbar zur Entstehungszeit dieses Computers gehört.

Interessant ist auch ein Aufkleber auf der Rückseite des Gehäuses mit einem Globus-Logo und der Bezeichnung NTS,
die vermutlich auf die Herkunft oder den Distributor dieses konkreten Rechners hinweist.

Das Netzteil: die härteste Nuss

Ein wesentliches Problem zeigte sich beim Netzteil. Nach dem ersten Einschaltversuch war klar, dass es vollständig defekt war – keine Reaktion, keine Spannung, absolute Stille. Zunächst versuchte ich die Reparatur selbst. Ich tauschte mehrere Kondensatoren aus, die bei alten Netzteilen häufig Probleme verursachen, sowie zwei Schottky-Dioden am Eingang. Leider zeigte das Netzteil auch nach diesen Eingriffen keinerlei Lebenszeichen.

Damit war klar, dass es sich um einen komplizierteren Fehler handeln musste. Also vertraute ich das Netzteil einem erfahrenen Elektroniker an. Er verbrachte wirklich viele Stunden mit der Reparatur und hat dafür meinen vollen Respekt. Systematisch maß er Schritt für Schritt die einzelnen Bereiche durch und ersetzte nach und nach zahlreiche Bauteile, bis es ihm schließlich gelang, das Netzteil wieder zum Leben zu erwecken. Unglaublich – und vielen Dank für die Hilfsbereitschaft. Borek ist einfach spitze.

Die Suche nach einem MFM-Controller: eine kleine Detektivgeschichte

Da ich mit MFM-Festplatten bisher praktisch keine Erfahrung hatte, begann eine kleine Suche. Anders als IDE-Laufwerke verwenden MFM-Festplatten zwei Kabel und benötigen einen speziellen Controller. Schließlich gelang es mir, einen passenden MFM-Controller in Deutschland zu finden. Der Verkäufer war sehr hilfsbereit – er bot nicht nur einen vernünftigen Preis an, sondern legte dem Paket auch Kleinigkeiten wie Slotblenden und weiteres Zubehör bei. Solche Details freuen mich immer und machen Lust auf weitere ähnliche Projekte.

Nach einer Grafikkarte musste ich nicht lange suchen – ich griff in meinen eigenen Bestand und verwendete eine Trident 9000, die für ein System dieser Art zeitlich sehr gut passt.

Experimente mit Kabeln: die Sackgasse mit dem FDD-Kabel

Einer der interessantesten Teile der Wiederbelebung kam, als ich mich mit dem Anschluss der Festplatte beschäftigte. MFM-Festplatten verwenden zwei separate Kabel – eines für die Daten und eines für die Steuerung. Das ist ein völlig anderer Ansatz als bei IDE oder neueren Schnittstellen, an die ich gewöhnt war. Beim ersten Versuch machte ich jedoch einen klassischen Anfängerfehler: Ich verwendete ein Kabel von einem Diskettenlaufwerk (FDD). Dieses besitzt die typische Verdrehung der Leitungen, den sogenannten Twist, mit dem die Laufwerke A: und B: unterschieden werden. Das Ergebnis war vorhersehbar – die Festplatte verhielt sich nicht richtig und das System funktionierte nicht. Zum Glück konnte ich diesen Fehler gemeinsam mit einem Freund am Telefon aufdecken. Schließlich entschied ich mich für eine etwas radikale Lösung. Den verdrehten Teil des Kabels entfernte ich vollständig und verwendete nur den geraden Abschnitt ohne Twist. Eigentlich war das ohnehin notwendig, weil es im hinteren Bereich des Computers wegen des großen Netzteils sehr eng ist.

Und genau in diesem Moment kam der Durchbruch – die Festplatte sprang sofort an, kommunizierte normal und das gesamte System erwachte zum Leben. Ein Low Level Format, das bei MFM-Festplatten häufig als einer der ersten Schritte diskutiert wird, war also überhaupt nicht notwendig. In diesem Fall lag das Problem ausschließlich an der Verkabelung und an meiner anfänglichen Unerfahrenheit. Ein schönes Beispiel dafür, wie selbst eine scheinbare Kleinigkeit darüber entscheiden kann, ob alte Hardware funktioniert oder nicht. Besonders gefreut hat mich die LED an der Front, die die Festplattenaktivität anzeigt. Ich musste lediglich den richtigen Pin am Controller finden und das entsprechende Kabel mit dem Stecker von der Frontblende anschließen.

Probleme mit dem Schwarzweißbild

Nach dem ersten Anschluss gab es eine kleine Enttäuschung – auf einem modernen LCD-Monitor war das Bild nur schwarzweiß. Der Grund ist jedoch relativ einfach. Alte VGA-Karten und noch ältere Systeme arbeiteten häufig mit einer anderen Art der Signalsynchronisation, mit der manche modernen Monitore nicht richtig zurechtkommen. Außerdem konnte ältere Hardware auch für monochrome Ausgänge konfiguriert sein. Nach dem Anschluss an einen klassischen CRT-Monitor änderte sich jedoch sofort alles – das Bild ist schön farbig und genau so, wie es sein soll.

Die Basis funktioniert – und wie geht es weiter?

Das ganze Projekt hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es war zwar langwierig, auf die MFM-Festplatte zu warten oder jemanden mit der Reparatur des alten Netzteils zu bemühen, aber das Gefühl, wenn der Rechner plötzlich startet, ist jedes Mal unbeschreiblich 🙂 Der Computer, der neben einem Müllcontainer gelandet war, funktioniert heute wieder und erinnert an eine Zeit, in der 20 MB Festplattenspeicher riesig wirkten und jede Erweiterung ein kleines Abenteuer war. Übrigens befand sich auf der Festplatte das Grafikprogramm Banner Mania, an das ich schöne Kindheitserinnerungen habe. Vielleicht lagen dort schon die Anfänge meines späteren Interesses an Grafik und Webdesign 🙂 Genau das ist für mich das Schönste am Retro-Computing – es geht nicht nur um Hardware, sondern auch um Geschichten und Erinnerungen, die mit ihr wieder lebendig werden.

Als Nächstes möchte ich noch das 5,25″-Laufwerk wiederbeleben. Es zeigt zwar Lebenszeichen, liest aber keine Disketten und macht ein seltsames, ziemlich raues Geräusch. Farblich wäre ein passendes Laufwerk sicher besser, denn dieses Exemplar ist schwarz. Außerdem denke ich über eine komplette Restaurierung des gesamten Blechgehäuses nach. Dann wird der ganze Computer wirklich zu einem Ausstellungsstück.

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